
- Entstehung
- 1874; wesentliche Überarbeitungen 1878–1880 und 1887–1888
- Erste Aufführung
- 20. Februar 1881 · Wiener Philharmoniker · Hans Richter
- Besetzung / Fassung
- Orchester
Über leisem Streichertremolo erklingt ein Hornruf. Aus einer klaren, knappen Geste entwickelt Bruckner in seiner Vierten Symphonie einen weiten musikalischen Zusammenhang. Der Beginn mag an eine Landschaft erinnern. Zunächst aber macht er ein Verhältnis hörbar: einen einzelnen Ruf vor einem kaum bewegten Klanggrund.
Der Beiname „Romantische“ stammt von Bruckner selbst. Die 1874 entstandene Symphonie wurde mehrfach grundlegend überarbeitet. Dazu gehört auch das später komponierte Jagd-Scherzo. Hans Richter dirigierte die Wiener Philharmoniker bei der Uraufführung am 20. Februar 1881. Die Fassungen zeigen, wie intensiv Bruckner um die Proportionen des Werks rang.
Im ersten Satz wechseln deutlich unterschiedene Themengruppen. Der Hornruf bleibt ein Orientierungspunkt, neben dem fließendere und rhythmisch markante Gedanken eigene Bewegungen entfalten. Die Pausen gliedern diesen Verlauf. In ihnen wirkt der vorangegangene Klang nach und verändert die Erwartung an den nächsten Einsatz.
Der langsame Satz wendet sich nach innen. Gesangliche Linien gewinnen durch Wiederkehr und wechselnde Instrumentierung an Gewicht. Eine zunächst einzelne Stimme kann im vollen Orchester eine andere Wirkung entfalten. Bruckner gibt seinen Gedanken Zeit, bevor eine Verwandlung ihre Bedeutung ganz erkennen lässt.
Das bekannte Jagd-Scherzo lebt von Hornrufen und kräftigen Rhythmen. Das entspanntere Trio verändert den Blick auf diese Energie, ehe sie zurückkehrt. Das Scherzo der ursprünglichen Fassung von 1874 ist eine andere Komposition. Die Fassungsfrage betrifft daher unmittelbar den Charakter des Werks.
Im Finale müssen einzelne Steigerungen in einem langen Spannungsbogen zusammenfinden. Große Klangblöcke stehen neben leisen Erinnerungen und neuen Anläufen. Nicht jedes Crescendo ist schon der entscheidende Höhepunkt. Die Wiederkehr früherer Gedanken wirkt umso stärker, je deutlicher ihre Verbindung zum Beginn hörbar bleibt.
Nova spielte die Vierte am 27. September 2024 bei BRUCKNER NOW! im Großen Saal des Wiener Konzerthauses, im Jahr von Bruckners 200. Geburtstag. Verdi und Debussy eröffneten das Programm und stellten seiner weiträumigen symphonischen Entwicklung zwei andere Formen orchestralen Erzählens gegenüber.
Überarbeitung als Neukomposition
Bruckner änderte an der Vierten mehr als Einzelheiten der Instrumentierung. Er ersetzte das ursprüngliche Scherzo und überarbeitete das Finale mehrfach. Damit veränderten sich Charakter und Proportionen des Ganzen. Die Fassungen lassen sich als unterschiedliche Antworten auf dieselbe kompositorische Aufgabe hören. Der Hornruf des Beginns bleibt dabei ein verbindender Gedanke.
Rhythmus als Erkennungsmerkmal
Neben dem Hornruf lässt sich Bruckners charakteristische Verbindung von Zweier- und Dreiergruppen verfolgen. Sie gibt den Phrasen Festigkeit und inneren Antrieb. Auch bei wechselnder Harmonik und dichterer Instrumentierung bleibt dieser Rhythmus erkennbar. Er verbindet leise Passagen mit mächtigen Steigerungen und bietet Orientierung im großen Zusammenhang.
Ein Abend, der bleibt.
Erste dokumentierte Aufführung mit Nova
BRUCKNER NOW!
Wiener Konzerthaus · Großer Saal
William Garfield Walker · Dirigent
Anton Bruckner
Bruckners Symphonien verändern das Gefühl für musikalische Zeit. Ein Rhythmus beharrt, während die Harmonie sich kaum merklich verschiebt. Eine Melodie kehrt nach langer Abwesenheit zurück und hat plötzlich ein anderes Gewicht. Aus wenigen Gedanken entstehen große Zusammenhänge. Pausen, Neuansätze und der Wechsel zwischen Instrumentengruppen gehören zu ihrer Form.
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